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02

02 bildbetrachtung

© fotosz.ch

 

Das Missgeschick liegt knapp zurück. Soeben ist die Fahrradkette aus dem Zahnkranz gesprungen. Ein Fehler beim Schalten, ein Misstritt zur falschen Zeit? Zum Glück ist dabei nichts Bösespassiert. Weiterfahren ist unmöglich, jetzt ist Reparatur angesagt. Zuständig dafür ist der Besitzer des Fahrrads, der sich gleich an die Arbeit macht. Sein Freund kann zwar nur ratend helfen, steht ihm aber kauernd bei. Wie muss die Kette zwischen Wechsel und Zahnkränzen eingelegt werden? Das Problem verlangt konzentriertes Verstehen. So etwa? Oder doch so? Nein, das geht nicht. Moment..., ich glaube, so geht das! Die Beiden werden demnächst die Kette einlegen, über das Tretrad einziehen, und das Velo wieder auf seine Räder stellen. Sie werden abwechselnd ihre Runden drehen, sie werden neue Kurven zirkeln und mutig über den Randstein springen. Das Vergnügen wird weitergehen. Bis die Kette wieder einmal aus den Zähnen springt. Dann wissen sie bereits, dass gelegentlich auf den Kopf gestellt werden muss, was wieder auf die Beine kommen soll. Erfahrung kommt von Fahren, aber auch von dessen Unterbrüchen.

 

 

01

01 bildbetrachtung

© Heidi Bubenhofer, Scuol

 

Von dicken Wurzeln abgestützt steht die riesige Arve im Spiel von Sonnenlicht und Schatten. Der breite Stamm verrät, dass der Baum schon uralt sein muss. Die kräftige Rinde und das frische Grün der Nadelbüschel bezeugen, dass der stumme Riese immer noch gesund und kräftig ist. Neben dem Stamm liegt ein baumstarker, dürrer Ast, der einst unter Ausriss einer grossen Wunde ausgebrochen ist. Er hat die Rinde längst verloren, sein ausgedorrtes Holz liegt frei, vom Licht gebleicht, vom Regen ausgewaschen. Nur ein Streifen eines warmen Braunorange erinnert an das ferne Leben. Da steht eine Frau, leicht vorgebeugt, mit beiden Armen abgestützt, den Kopf geneigt, den Blick zu Boden. Sie lehnt, die Fersen etwas angehoben, bewegungslos und konzentriert am dürren Ast. Ihr ganzer Körper ist bedeckt vom gleichen Graugrünbeige, vom Totholz kaum zu unterscheiden. Ein Ritual? Eine Kunst-Aktion? Für mich ein Bild der unerfüllten Sehnsucht, einmal ganz Natur zu werden, in ihr aufgehoben, mit ihr eins geworden da zu sein und da zu bleiben. Würdig wie ein alter Baum.